Blumenbach-online
Blumenbachs private Bibliothek
Auktionskatalog 1840  „Blumenbach/Herbst collection“  Afrikanische Bibliothek?  „Schriften, welche …“
Der Auktionskatalog von 1840
„Blumenbach/Herbst collection“    Afrikanische Bibliothek?    „Schriften, welche …“

Blumenbach, lesend. Ölgemälde von Johann Heinrich Wilhelm Tischbein, ca. 1800. Foto aus Plischke, Hans: Johann Friedrich Blumenbachs Einfluß auf die Entdeckungsreisenden seiner Zeit. Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht, 1937. Zum Vergrößern anklicken.
Blumenbach private Arbeitsbibliothek wurde nach seinem Tod versteigert. Es existiert ein nach Buchformaten gegliederter Auktionskatalog mit 4771 Nummern (189 Folio-, 862 Quart-, 3262 Oktav- und 198 Duodezbände; Anhang: 260 Nummern), plus ca. 300 Zeitschriftenbände. Die Titelangaben sind stark abgekürzt und beruhen wohl auf den Rückentiteln der Bucheinbände.
Verzeichniß der vom weil. Obermedicinalrath Blumenbach nachgelassenen Bücher: welche Montags den 27. Juli 1840 und an den folgenden Tagen Abends von 6 bis 8 Uhr in der Wohnung des Univ.-Gerichts-Procurators Fr. Just. Schepeler an der Jüdenstraße meistbietend verkauft werden sollen. Göttingen : Menzel, 1840. (PDF, durchsuchbar).
Die „Blumenbach/Herbst collection“
Auktionskatalog 1840    Afrikanische Bibliothek?    „Schriften, welche …“
Nur wenige Bände von Blumenbachs Privatbibliothek scheinen für die Universitätsbibliothek Göttingen angekauft worden zu sein. Etwa 550 Bände, zumeist seltene und wertvolle medizinische Klassiker und Werke zur Anatomie und Physiologie, erwarb der Physiologe Gustav Herbst (1803–1893), ein ehemaliger Student Blumenbachs, seit 1829 Assistent am Academischen Museum und von 1842 bis zu seinem Tod außerordentlicher Professor der Medizin in Göttingen. Die Bücher blieben im Besitz der Familie Herbst und befanden sich bis 1900 in Göttingen. Sie gelangten dann in die USA, wo ein Sohn Herbsts lebte. Um 1979 wurden sie von dem amerikanischen Spezialantiquaritat Jeremy Norman’s History of Science an verschiedene institutionelle und private Käufer versteigert, sodass die heute nicht mehr als geschlossener Bestand existieren (Auskunft von J. M. Norman vom 30. Mai 2017).
Über die Geschichte der – für die Auktion von 1979 als „Blumenbach/Herbst collection“ bezeichneten – Sammlung informiert das ausführliche Vorwort des Antiquariatskatalogs von 1979. Es enthält auch Angaben zu zahlreichen Einzelbände (z. B. zu solchen, die einen Vermerk Blumenbachs über das Erwerbsjahrs oder andere handschriftliche Notizen enthielten) und zu deren Verwendung durch Blumenbach in seinen Publikationen und für seine medizinhistorischen Arbeiten. Der Auktionskatalog bietet Identifikation und Beschreibung aller Bände, vermerkt handschriftliche Einträge Blumenbachs und weist auf Querverbindungen zu Blumenbachs Publikationen hin. 16 der in dem Katalog verzeichneten Titel wurden von dem Bonner Antiquariat Konrad Meuschel erworben und 1980 in einem eigenen Katalog angeboten, dessen deutschsprachige Beschreibungen der Bände aber keine Informationen enthalten, die über die Angaben in dem Katalog der „Blumenbach/Herbst collection“ von 1979 hinausgehen (Katalog 36: Wertvolle Bücher und Handschriften: darunter medizinische und naturwissenschaftliche Werke aus der Bibliothek des Goethe-Freundes J. Fr. Blumenbach. Bonn, 1980, 51 S., Ill.)
Norman, Jeremy M.: „The Blumenbach/Herbst collection“. In: Medicine, travel & anthropology from the Library of Johann Friedrich Blumenbach. A Catalogue of the Blumenbach/Herbst Collection. [...]. [San Francisco, 1979]. (PDF, durchsuchbar; urspr. verfügbar unter www.historyofscience.com/pdf/Blumenbach-intro.pdf).
Medicine, travel & anthropology from the Library of Johann Friedrich Blumenbach. A Catalogue of the Blumenbach/Herbst Collection. [...]. [San Francisco, 1979]. (PDF, nicht durchsuchbar).
Vgl. auch die vermutlich erste Nachricht über die Existenz der „Blumenbach/Herbst collection“: „Blumenbach’s Library“. In: Journal of the History of Medicine and Allied Sciences. Volume X, Issue 1, 1 January 1955, S. 123–124.
Eine „afrikanische Bibliothek“ Blumenbachs?
Auktionskatalog 1840    „Blumenbach/Herbst collection“    „Schriften, welche …“

Phillis Wheatley (um 1753–1784). Frontispiz von Poems on various subjects, religious and moral. By Phillis Wheatley. London 1773. Wheatley war die erste afroamerikanische Dichterin, deren Werke veröffentlicht wurden. Blumenbach nennt sie in seinen Beyträgen zur Naturgeschichte (1806), S. 91. Zum Vergrößern anklicken.
In seiner „Éloge“ auf Blumenbach berichtete Marie Jean-Pierre Flourens über Blumenbach: „Il avait une bibliothèque toute composée de livres écrit par des nègres.“ (Éloge historique de Jean-Frédéric Blumenbach, un des huit associeés étrangers de l’Académie. Lu dans la séance publique du 26 avril 1847. Paris: Claye, 1847, S. 13). Auch Blumenbach selbst scheint zumindest in seinen Vorlesungen von einer „Bibliothek“ gesprochen zu haben, vgl. die Wiedergabe einer Notizen eines englischen Hörers in The London Medical Gazette 1 (1827/1828), S. 72: „Blumenbach gives us a most entertaining account of a little library which he possess of works written by Negroes, […].“ (zur Herkunft der Notizen vgl. ebd. S. 47). Die kurze Notiz wurde schon 1829 im Freedom’s Journal, der ersten von Afro-Amerikanern herausgegebenen Zeitschrift in den USA, fast wörtlich zitiert (January 24, 1829, S. 337; mit „striking“ statt „entertaining“). Auch in der modernen Forschung ist von einer derartigen „Bibliothek“ die Rede (vgl. z. B. Schiebinger, Londa: Nature’s body. Boston: Beacon Press, 1993, S. 190f.).
Der Begriff „Bibliothek“ muss vermutlich im begrenzten Sinne einer kleineren Sammlung mit Werken von außereuropäischen, zumeist aus Afrika stammenden und in Europa oder den USA ausgebildeten Verfassern verstanden werden. Publikationen von drei Verfassern afrikanischer Herkunft erwähnt Blumenbach zuerst 1787, noch ohne einen Hinweis, dass er diese Werke selbst sammle („Einige naturhistorische Bemerkungen bey Gelegenheit einer Schweizerreise“, in: Magazin für das Neueste aus der Physik und Naturgeschichte Bd. 4, 3. Stück (1787), S. 1–12, hier S. 9). In einer erweiterten Bearbeitung dieses Textes im ersten Band der Beyträge zur Naturgeschichte (1790), S. 95–118, nennt Blumenbach sieben Schriftsteller afrikanischer Herkunft namentlich (und vier ohne Namensnennung) und erklärt, dass er von vier von ihnen Werke besitze (die anderen Werke habe er nur „in Händen“, also ausgeliehen). In der zweiten Auflage des ersten Bandes der Beyträge (1806) ergänzt Blumenbach diese Liste um zwei weitere Namen, wiederum mit dem Hinweis, auch von diesen Autoren und von weiteren namentlich nicht genannten Verfassern afrikanischer Herkunft Werke zu besitzen.
Die Werke werden von Blumenbach als anthropologisches Beweismaterial für die Einheit der Spezies „Mensch“ dokumen­tiert, in diesem Falle in Hinblick auf ihre intellektuellen Fähigkeiten. Maßstab sind dabei wissenschaftliche oder künstlerische Leistungen nach europäischem Vorbild.
Soweit bekannt, war Blumenbach der erste, der eine derartige Spezialsammlung anlegte (vgl. Appiah, Kwame Anthony, and Henry Louis Gates, Jr.: Africana: The Encyclopedia of the African and African American Experience. Oxford: Oxford University Press, 2005, S. 150). Die Beschaffung dieser seltenen Publikationen war in der Regel schwierig: „The few books of history or social science running against the grain of American racism, as well as creative works of fiction and poetry by writers of color, have all had trouble being taken seriously and finding publishers. As a result, many were printed privately, distributed locally, and never found their way into libraries, let alone bookstores.“ (ebd.) In Blumenbachs Briefwechsel gibt es Hinweise auf seine Bemühungen um Publikationen zwar nicht afro-amerikanischer, aber außereuropäischer, indigener Verfasser. Am 22. März 1796 berichtete er Johann Heinrich Ferdinand Autenrieth, er habe während seines London-Aufenthalts 1791/1792 eine (im Verzeichnis seiner Spezialbibliothek als Nr. 14 aufgeführte, s. u.), von einem Mohawh-Indianer verfasste Schulfibel „erwischt“ (Dougherty, Frank William Peter: The correspondence of Johann Friedrich Blumenbach. Band 5. Göttingen: Klatt, 2013, S. 11–13 Nr. 0974); schon 1789 hatte er – erfolglos – Johann Samuel Lieberkühn um ein Exemplar des Essay of a Delaware-Indian and English spelling-book for the use of the schools of the Christian Indians on Muskingum River (1776) gebeten (Dougherty, The correspondence of Johann Friedrich Blumenbach. Band 3. Göttingen: Klatt, 2010, S. 223–226 Nr. 0550).
„Schriften, welche Neger oder andre sogenannte Wilde zu Verfaßern haben“
Auktionskatalog 1840    „Blumenbach/Herbst collection“    Afrikanische Bibliothek?

SUB Göttingen, Cod. Ms. Blumenbach I, 4, S. 25 (Ausschnitt). Für vollständige Ansicht Abb. anklicken.
Alle von Blumenbach 1806 genannten Werke und fünf weitere finden sich in einer Liste am Ende eines zwischen 1817 und ca. 1838 geführten handschriftlichen Verzeichnisses von Blumenbachs Privatsammlung (SUB Göttingen, Cod. Ms. Blumenbach I, Nr. 4, S. 25–26: „Schriften, welche Neger oder andre sogenannte Wilde zu Verfaßern haben“; Transkription s. u.). Sie umfasst 15 Positionen. Das Verzeichnis, das die Liste enthält, ist kein Bibliothekskatalog, sondern laut Titelblatt ein „Catalogus meiner Schedelsammlung und des übrigen dazu gehörigen anthropologischen Apparats“. Unmittelbar vor der Bücherliste finden sich Listen mit Portraits und Schädelabgüssen außereuropäischer Völker. Zumindest im Kontext dieses Verzeichnisses scheinen Blumenbach primär die Bücher selbst als Beweisstücke interessiert zu haben und nicht ihr spezifischer Inhalt (z. B. Angaben über Umweltbedingungen, Lebensweise und Kultur in Afrika oder über die Praktiken des Sklavenhandels und die Lebensbedingungen afrikanischer Sklaven in den USA).
Transkription von SUB Göttingen, Cod. Ms. Blumenbach I, Nr. 4, S. 25–26:
[S. 25]
1. Ant. Guil. Amo, Guinea – afer, Phil. et. A.A.L.L. [= Artium liberalium] mag. et J.V.C. [= Juris utriusque consultus] De humanae mentis απαθεια [= apatheia]. Witteb. 1734. 4. Digitalisat.
2. Ej[usdem] disputatio philosophica continens ideam distinctam eorum quae competunt vel menti vel corpori nostri vivo et organico. ib[idem] eod[em anno]. 4. Digitalisat.

SUB Göttingen, Cod. Ms. Blumenbach I, 4, S. 26 (Ausschnitt). Für vollständige Ansicht Abb. anklicken.
3. Uitgewrogte Predikatien, gedaan door Jacobus Elisa Joannes Capitein, Africaansche Moor, beroepen Predikant op D’Elmina aan het Kasteel St George. Amst. 1742. 4. Digitalisat.
4. Ej[usdem] Staatkundig-Godgeleerd Onderzoekschrift over de Slaverny etc. Leiden. eod[em anno] 4. Digitalisat.
5. Poems on various Subjects, religious and moral. by Phillis Wheatley, Negroservant to Mr. J[ohn] Wheatley of Boston. Lond. 1773. 8. Digitalisat.
6. Letters of the late Ignatius Sancho, an African. to which are prefixed, Memoirs of his Life. ed. 3. ib[idem] 1784. 8. Digitalisat.
7. The interesting Narrative of the Life of Olaudah Equiano, or Gustavus Vassa, the African. written by himself. ed. 2. ib[idem] (1790) II vol. 8. Digitalisat.
[auf dem Rand nachgetragen] 8. Absalom Jones’s and Richard Allen’s Narrative of the Proceedings of the black people, During the awful calamity in Philadelphia a. 1793. Philad. 1794. 12. Digitalisat.
9. [korr. aus „8.“] Benj[amin] Bannaker’s Alamanac for 1794. Philad. 8.
10. [korr. aus „9.“] Ej[usdem] Pennsylvania, Delaware, Maryland and Virginia Almanac for 1795. ib[idem] 8. Digitalisat eines Reprints (1969) der Ausg. 1793 und 1795.
[auf dem Rand nachgetragen] 11. Absalom Jones’s thanksgiving Sermon on account of the abolition of the African Slave trade. ib[idem] 1808. 8. Digitalisat.
[auf dem Rand nachgetragen] 12. Pet[er] Williams’s jun. oration on the abolition of the Slave Trade. New York. eod[em anno]. 8. Digitalisat.
[auf dem Rand nachgetragen] 13. Russell Parrott’s oration on the abolition of the Slave Trade. Philad. 1814. 8.
14. [korr. aus „10“] A Primer, for the use of the Mohawk children, to acquire the Spelling and Reading of their own, as well as to get acquainted with the English Tongue (von einem Mohawk-Indianer, Nahmens Shotisyowane) Lond. 1786. 12. Digitalisat.
[S. 26]
[ohne Nr.] Carte réduite des Îles de France et de la Réunion, dressée – par [Jean-Baptiste] Lislet[-]Geoffroy, Officier attaché au Génie (Correspondent der Pariser acad. des Sciences) publiée par ordre du Ministre del la Marine [1797]. Digitalisat.
Footer
Startseite    Übersicht Impressum    Datenschutzerklärung    Kontakt