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Göttingische Anzeigen
von
gelehrten Sachen
unter der Aufsicht
der königl. Gesellschaft der Wissenschaften.

Der zweyte Band,
auf das Jahr 1800.

Göttingen,
gedruckt bey Heinrich Dieterich.

Göttingen.

[Seite 2041]

In der Versammlung der königl. Societät der
Wissenschaften am 15ten vor. Monaths ward ein
Aufsatz ihres Correspondenten, des Hrn. Professor
Himly zu Braunschweig, vorgelegt, worin er
derselben merkwürdige Bemerkungen über Läh-
mung des Augensternes durch örtliche Anwendung
des Bilsenextractes mittheilte, derjenigen ähnlich,
die man neuerlich auf den Gebrauch des Extr.
belladonnae
und des Kirschlorbeerwassers hat er-
folgen gesehen. Die erste Beobachtung jener
Wirkung des Extr. hyosc. machte der Hr. Prof.
bey einer Frau, die in einer hartnäckigen Augen-
schwäche unter andern Mitteln auch das bekannte
Augenwasser aus der Auflösung eines Scru-
pels vom Bilsenextracte in einer Unze Wasser,
nur an die Ränder der Augenlieder gestrichen
hatte, und darauf eine, etliche Stunden lang
anhaltende, auffallende Erweiterung der Pupille
[Seite 2042] bemerkte. Er hat seitdem an mehreren Personen
mehr als zwanzig Mahl diesen Versuch so wie-
derhohlt, daß er einige Tropfen dieser Auflösung
ins Auge fallen, und durch Rückbiegung des
Kopfs einige Zeit in demselben erhalten läßt,
und immer ist (versteht sich, wenn anders der
Augenstern selbst noch Beweglichkeit hatte) der
Erfolg der nähmliche gewesen. Die große Er-
weiterung der Pupille zeigt sich nach Verlauf von
ein bis zwey Stunden, und dauert gemeiniglich
5 bis 6 Stunden, ohne daß dadurch die Mark-
haut im mindesten angegriffen wird. – Hin-
gegen hatte das nach Art des Kirschlorbeerwas-
sers von frischem Bilsenkraut destillirte Wasser
nur so geringe Wirkung, daß sie selbst noch zwei-
felhaft ist. Auch das Auflegen des Empl. hyosc.
und belladonnae über den Augenbraunen hatte kei-
nenn Einfluß auf den Augenstern.

Diesen interessanten Beobachtungen hat der
Hr. Prof. fruchtbare Folgerungen über die Be-
nutzung jenes Mittels bey Behandlung einiger
Augenkrankheiten beygefügt, die sich ebenfalls
auf eigene Erfahrung gründen. Es gibt das-
selbe z.B. beym grauen Staar ein sicheres Prü-
fungsmittel, ob derselbe mit dem Augenstern
(wenn auch nur wenig und nur am äussern Rande
desselben) verwachsen ist oder nicht. So auch
zur näheren Bestimmung der Beschaffenheit des
Staates; und ob rothe Flecken, die manchen
Staarblinden vor den Augen zu schweben schei-
nen, von einem bedenklichen Fehler der Mark-
haut, oder etwa, wie dem Verf. der Fall un-
längst vorgekommen, bloß vom röthlichen Schein
der verdunkelten Linse herrühren. Ferner dient
es bey dem gewöhnlichsten grauen Staar, wenig-
stens im Nothfall, als Palliativ-Mittel. Erleich-
[Seite 2043] tert auch in manchen Fällen die Ausziehung des-
selben; und müßte bey der Conradischen Methode
die Zertheilung des Staars durch Öffnung der
Kapsel zu bewirken; so wie auch bey krankhaf-
ter Verengerung der Pupille, von Nutzen seyn. –
Durchgehends hat der Verf. die Umstände genau,
und meist aus eigener Erfahrung bestimmt, un-
ter welchen in allen diesen Fällen die Anwend-
barkeit dieses Mittels vorzüglich nutzbar, oder
aber auch minder thunlich ist. Wir müssen uns
hier auf eine so kurze Anzeige von dem allem
einschränken. Hoffentlich wird aber die ganze
nützliche Abhandlung bald im Druck erscheinen.



Blumenbach, Johann Friedrich. Date:
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