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Sammlung
seltener und merkwürdiger
Reisegeschichten.

Erster Theil.

Mit einer Vorrede
von
D. Johann Friederich Blumenbach,
der Medic. Prof. ordin. zu Göttingen.

[Abbildung: ]
Memmingen,
bey Andreas Seyler. 1789.
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[[I]]
[Abbildung: ]

Vorrede.

Ich bin ersucht worden, den Anfang dieser
Sammlung kleiner Reisegeschichten mit
einer Vorrede zu begleiten so entbehrlich sie
auch bey einem Unternehmen, wie das gegen-
wärtige, seyn kann; da der Zweck desselben
ohnehin leicht zu übersehen ist, und eben so
wenig einer Empfehlung als einer Entschuldi-
gung bedarf.
Was sonst wohl den Inhalt der Vorreden
zu den Sammlungen von Reisebeschreibungen
ausmachte, der Erweis des Nutzens derselben,
ist für unsere Zeiten hoffentlich überflüßig; da
schon blos ein Rückblick auf die vielseitige Auf-
hellung, die ihr allgemeinerer Gebrauch, zu-
mal in den letzten fünfzig Jahren, über so viele
Fächer menschlicher Kenntnisse verbreitet hat,
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[[II]]
den unwidersprechlichsten Beweis dafür abge-
ben muß. Man erinnere sich z.B. blos des
Zuwachses und der Berichtigung, welche die
physikalische Erdbeschreibung, die Naturge-
schichte, die Bibelerklärung, die Vorstellungs-
art von der Lebensart etc. der ältesten Völker
der Erde in Vergleich mit der jetzigen Wilden
ihrer u.s.w. durch sie erhalten hat.
Eher dürfte vielleicht eine Warnung gegen
das allzu zuversichtliche Vertrauen auf die Rei-
sebeschreibungen, eine Empfehlung der Vor-
sicht und selbst des Mistrauens bey dem Ge-
brauche derselben nicht am unrechten Orte seyn:
wozu ich wenigstens kleine Beyträge geben
könnte, da ich seit meinem hiesigen Aufenthalte,
zu meinem Unterricht, vorzüglich in der Natur-
geschichte überhaupt, und in der des Menschen-
geschlechtes ins besondere, mich viel mit ihnen
beschäftigt habe; und, nachdem ich ihrer schon
eine Menge gelesen hatte, vor ohngefähr acht
Jahren anfieng, die ganze sehr beträchtliche
Sammlung von Reisebeschreibungen auf der
hiesigen Universitäts-Bibliothek von vornen
bis zu Ende durchzugehen, so daß ich mehrere
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[[III]]
Jahre hindurch immer ein halbes Dutzend
Bände nach dem andern, so wie sie der Ord-
nung nach im Fache folgten, zu Hause hatte,
um die, so ich nicht vorher schon benutzt hatte,
zu meinem Gebrauche excerpirte, so daß ich
nun seitdem blos die immer neu hinzukommen-
den gelegentlich nachzuholen suche.
So lehrreich mir diese Arbeit an und für
sich seyn mußte, so hat sie mich doch auch zu-
gleich von der Nothwendigkeit der strengsten
Kritik bey dem Gebrauche der Reisebeschrei-
bungen überzeugt; um so mehr, da ich, wie
gesagt, das ganze Fach nach der Ordnung
durchgieng, folglich die Reisen nach jedem
Lande in chronologischer Ordnung hinter ein-
ander zu lesen bekam, und nun so oft theils
die auffallendsten Widersprüche in den Nach-
richten, die verschiedene Reisende von einer
und eben derselben Sache geben, theils das
bloße Nachbethen bey solchen, die man ins-
gemein für klassische Gewährsleute hält, und
manches andere Verdächtige dieser Art bemer-
ken mußte, das zur Warnung beym Gebrau-
che der Reisegeschichten aufmahnt.
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[[IV]]
Jenes Nachschreiben zeigt sich auch nicht
etwa blos bey dem sterilen Haufen der arm-
seligen Reisenden, die aus gänzlicher Unkunde
und Mangel an aller Beobachtungsgabe nichts
eigenes geben konnten, wie z.E. bey dem
großen Troß von Volke, das vor zwey- bis
dreyhundert Jahren nach dem gelobten Lande
zog; sondern auch bey neuern Reisenden, de-
nen man es nicht zutrauen sollte, daß sie man-
chen ihrer Vorgänger auf eine solche Weise
vor Augen gehabt haben. Man vergleiche
z.E. Carver’s treffliche und immer an eige-
nen Beobachtungen reiche Reise mit der von
la Hontan. Indeß kann doch aber auch eine
solche unerwartete Bemerkung dazu dienen,
den Kredit des benutzten Vorgängers wieder
zu befestigen, wann derselbe vorher hatte wol-
len verdächtig gemacht werden, wie dieß mit
la Hontan der Fall war, den doch aber auch
der sel. Landvogt Engel in einer einleuchten-
den Apologie gerechtfertigt hat. So sind zu-
mal einige der ältern Reisenden aus dem mitt-
lern Zeitalter lange als ganz unzuverlässig ver-
schrieen worden, die man nachher bey kriti-
scher Vergleichung ihrer Nachrichten mit der
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[[V]]
nachfolgenden ihren als klassische Schriftstel-
ler zu benutzen gelernt hat. So z.B. Mar-
co Polo,
der wegen einiger Aufschneidereyen,
da er mit ungeheuern Summen auf dem Pa-
piere um sich warf, kaum anders als Messer
Marco Millioni
genannt ward; der Ritter
Maundevile, den seine eigenen Landsleute
the greatest fabler of the world nannten;
so noch in neuern Zeiten Tavernier, der lan-
ge unter dem Beynamen le grand menteur
bekannt war, u.a.m.
Zuweilen giebt es schon vielen Aufschluß,
sobald man prüft, wer es ist, der einen Rei-
senden verdächtig machen will; wie z.E. Vol-
taire
den de la Motraye, oder de la Caille
den Kolbe.
Von der andern Seite sind hingegen an-
dere Reisebeschreibungen lange Zeit ganz un-
gezweifelt für zuverläßig genommen worden,
von denen sich nach der Hand ergab, daß sie
entweder ganz erdichtet, oder doch äußerst ver-
dächtig sind. So hat man einmal eine Zeit
lang den Roman des pseudonymen Psalma-
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[[VI]]
naazar
für eine wirkliche Beschreibung der
Insel Formosa angenommen, bis der Ver-
fasser vor etlichen und zwanzig Jahren in sei-
nen bekannten Memoirs den ganzen Betrug
selbst entdeckte. So ist lange die vorgebliche
Entdeckungs-Reise des spanischen Vice-Ad-
miral de Fonte oder Fuente, die er 1640.
nach dem nordwestlichen Amerika gethan ha-
ben sollte, für baare Münze angenommen,
und von Swaindrage, Büache, dem jün-
gern de l’Isle u.a. mit großem Aufwand von
Arbeit commentirt, Karten nach seiner An-
gabe entworfen worden etc. bis man neuerlich
von der Nichtigkeit der ganzen Fiction über-
zeugt ward.
So ist es auch bey manchen Reisegeschich-
ten zweifelhaft, ob ihr Verfasser je selbst in
den beschriebenen Ländern gewesen. Vom
Gemelli Careri z.B. ist es meines Wissens
so gut wie erwiesen, daß sein lange Zeit so ge-
priesenes Werk, Giro del mondo, die Frucht
einer langwierigen Krankheit war, die ihn zu
Hause hielt, und daß er wohl nie außerhalb
Italien gekommen, geschweige um die Welt
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[[VII]]
gereiset. – Man weis, was neuerlich für
ein Verdacht gegen den Ritter Bruce und
gegen den Hauptmann de Pagès erregt wer-
den wollen, als ob sie auch nicht an allen den
Orten, wovon sie schreiben, selbst gewesen
seyen.
Daß man aber inzwischen auch klassische
Werke über Länder, die man nicht selbst be-
reiset hat, schreiben kann, haben Ludolph,
Du Halde
und andere (gewisser Maaßen auch
der Burgermeister Witsen) gezeigt.
Und so muß freylich auch das, was oben
von den widersprechenden Nachrichten der
Reisebeschreiber gesagt ward, in der logika-
lisch richtigen Bestimmung des Wortes ver-
standen werden. Hundert scheinbare Wider-
sprüche bey verschiedenen Reisenden lösen sich
ganz natürlich auf, sobald man die Zeit und
die Umstände, unter welchen jeder gereiset ist,
in Erwägung zieht.
Die Sitten eines rohen Volkes ändern
sich mit dem Fortgange seiner Kultur; und
die Natur selbst ändert sich, so zu sagen, un-
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[[VIII]]
ter den Händen des Menschen. Man denke
z.B. nur an die Umschaffung, die er seit
Entdeckung der neuen Welt mit ihr und der
alten wechselseitig vorgenommen hat.
Daher ist doch nichts seltsamer, als wenn
mancher neuere Reisende seine Vorgänger
darum der Unwahrheit zeihen will, weil sie
vor Jahrhunderten die Sachen anders gefun-
den haben, als Er neuerlich. So wars
z.B. der Fall bey den alten Zeugnissen vom
ehemaligen Genuß des rohen Pferdefleisches
bey den Kalmücken; vom Plattdrücken der
Nase der neugebohrnen Kinder unter manchen
Neger-Völkern, u. dgl. m. – Mutantur
tempora
– mithin – Distingue tempora –.
Ganz etwas anderes ist es hingegen,
wenn gleichzeitige Reisende bey ihren Nach-
richten von einer und eben derselben indivi-
duellen Sache in offenbarem Widerspruche
mit einander stehen; selbst bey Dingen in Ge-
genden, die allgemein bereiset werden, wo folg-
lich die Sache bald genug entschieden werden
könnte. Man vergleiche z.E. Dryden’s Nach-
richten von der Erhaltung der Leichen im Ka-
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[[IX]]
puzinerkloster zu Palermo mit dem, was Hollis
davon sagt. Beyde waren Augenzeugen! –
Da ich vor einigen Jahren in Savoyen war,
untersuchte ich die beyden berühmten Kaker-
laken zu Chamouni, und las nach meiner Zu-
rückkunst in einer Versammlung der königli-
chen Societät der Wissenschaften eine Abhand-
lung darüber vor. Ein anderer Reisender,
und sonst ein trefflicher naturforschender Be-
obachter, war um die gleiche Zeit in Savoyen
gewesen, hatte die gleichen Menschen gesehen,
und erklärte öffentlich, daß sie keine Albinos
seyen, daß er keine rothe Augen an ihnen ge-
funden, und das Ganze eine Einbildung des
Herrn Bourrirt sey etc. Mein Trost war,
daß die Augen der Kakerlaken für mich schon
seit Jahren ein viel zu interessanter Gegenstand
gewesen waren, als daß ich nicht bey ihrer Un-
tersuchung meinen eigenen Augen hätte trauen
dürfen; auch hatten hundert andere kundige
Reisende vor und nach uns beyden, dieselben
Menschen für ungezweifelte Kakerlaken auf den
ersten Blick erkannt, und unter diesen hat noch
ganz neuerlich Herr de Saussure, der in Cha-
mouni so gut wie zu Hause ist, meine Beobach-
tungen vollkommen bestätigt.
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[[X]]
Aber wenn nun solche qui pro quo bey
Dingen möglich waren, die mit aller Muße
untersucht werden, so augenblicklich entschieden
werden konnten, wie ungleich häufiger mögen
sie nun von Reisenden gemacht werden, die
unbekannte Länder mit unendlich wenigerer
Bequemlichkeit gleichsam durcheilen müssen;
und wie wenig wird man also die obigen War-
nungen bey dem Gebrauche der Reisegeschichten
für überflüßig oder übertrieben halten dürfen?
Uebrigens benehmen diese Warnungen dem
behutsamen kritischen Gebrauche der Reisebe-
schreibungen so gar nichts an seinem wahren
unverkennbaren Werthe, daß ich sie ohne alles
Bedenken zum Inhalt einer Vorrede mache,
die doch einer Sammlung von Schriften die-
ser Art zu einiger Empfehlung dienen soll.
Der Plan des Verlegers schränkt sich auf
seltenere und zugleich merkwürdige Reisege-
schichten ein, die nicht voluminös sind, und
wenn das Unternehmen Fortgang hat, so kann
es eine nützliche und interessante Sammlung
werden.
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[[XI]]
Unter den zahlreichen ältern kleinen Reisen
von unberühmten Verfassern steckt noch über-
aus viel Wichtiges für Natur- und Völker-
kunde. Denn hier kommt’s weder auf die
Dicke der Reisebeschreibung, noch auf den
Stand des Reisenden an. Die kleine war-
hafftig Historia
des ehrlichen Pfahlbürgers
Hanns Staden ist zuverläßiger und klassi-
scher, als das vielpfündige Voyage en Siberie
des weit berühmten Akademisten Chappe
d’Anteroche.
Die Reisen werden in dieser Sammlung
ganz und unverstümmelt geliefert, da man
auch hier das prodesse & delectare zu verbin-
den sucht, und es bey weitem nicht, wie das
Abrégé des Herrn de la Harpe, ein Lese-
buch zum bloßen Zeitvertreib ohne alle kritische
Brauchbarkeit werden soll.
Die Uebersetzungen sollen immer von ei-
nem beyder Sprachen mächtigen Manne ver-
fertigt, und dann von einem andern in Rück-
sicht auf den Inhalt durchgesehen werden.
Denn ohne das letztere können seltsame Fehler
entstehen. So fand ich in der Uebersetzung
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[[XII]]
einer berühmten Reise, die von einem unserer
besten deutschen Schriftsteller besorgt war, aus
Unkunde der Naturgeschichte, die Fühlpflanze
mit dem wandelnden Blat (– eine Staude
mit einem Insekt –) verwechselt.
Die in diesem ersten Theile enthaltene
Reisegeschichte ist von einem hiesigen jungen
Gelehrten, Herrn Benecke, aus dem Oettin-
gischen, verfertigt worden; ich habe hin und
wieder kleine Anmerkungen beygefügt.
Der Verfasser war Sekretair von Ber-
bice, der im Jahr 1672. als Gevollmächtigter
dieser Kolonie mit dem Kommandeur von Esse-
quebo den Gränz-Vergleich zwischen Berbice
und Temerary zu Stande brachte
S. HARTSINCK Beschryving van Guiana,
Vol. I. pag.
280.
, ein
Mann von natürlich gutem Beobachtungs-
geiste, der eine Menge interessanter und dar-
unter viele nicht gemeine Bemerkungen aufge-
zeichnet hat.
Göttingen, den 16. Febr. 1788.
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[titlePage_recto]

Adrian van Berkel’s
Beschreibung seiner Reisen
nach
Rio de Berbice
und
Surinam.

Aus dem Holländischen übersetzt.

[Abbildung: ]
Memmingen,
bey Andreas Seyler.
1789.
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[[3]]

I.
Reise
nach
Rio de Berbice.

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[[4]]
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[[5]]
[Abbildung: ]

I.
Reise nach Rio de Berbice.

I. Kapitel.

Der Verfasser wird angenommen, um nach Rio de
Berbice zu gehen. – Geht wegen widriger Win-
de verschiedene male in die See. – Eigenschaft
der Passatwinde. – Art, die Meerschweine oder
Braunfische zu fangen. – Anmerkung, dieselbe
betreffend. – Beschreibung der Hayen, Bonito,
und fliegenden Fischen. – Beschreibung einer
Wasserhofe. – Gefährlickeit derselben. – Was-
serhosen von einer andern Art, Pfeifen genannt.
– Ankunft in dem Strome von Berbice.
Schon lange hatte ich den Wunsch gehegt,
fremde Gegenden und Länder zu sehen, als die
Herren van Ree und van Penre, Patronen
der Kolonie von Berbice, ein Schiff ausrüsten
ließen, das erster Tagen dahin abgehen sollte.
Durch die Fürsprache guter Freunde gelang es
mir, als Kaufmann und Secretär auf demselben
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[6]
angenommen zu werden, um auf diese Weise
meine Begierde zu reisen einigermaßen zu befrie-
digen.
Ich schickte demnach meine Equipage nach
Vlissingen, und den 24. October 1670 begab
ich mich in Person dahin. Nachdem wir vier
Wochen auf guten Wind gewartet hatten, und
dieser endlich zu wehen anfieng, ließ ich mich an
Bord führen. Hier fand ich alles zur Abfahrt
bereit, und den 24. November giengen wir mit
einem Ostwinde in die See; unser Schiff war
die Fregatte Nassau von 16 Kanonen, unter
dem Kapitain Cornelius Marinus. Allein
schon den zweyten Tag, als wir Grevelingen
im Gesicht hatten, drehte sich der Wind, und
brachte uns wieder zurück nach Seeland.
Ehe wir indessen den Haven erreichen konnten,
gieng mit mir, der ich der See gar nicht gewohnt
war, – wiewol wir nur mit einem schwachen
Lüftchen fortgetrieben wurden – eine sehr unan-
genehme Veränderung vor. Alles kehrte sich
mit mir um und um, und ich mußte, so viel
Mühe ich auch anwandte es zurückzuhalten, alles,
was ich nur genossen hatte, durch denselben Weg
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[7]
wieder von mir geben, durch den ich es zu mir
genommen hatte. Da diese Beschwerden mit
einem starken Kopfweh und sonderbaren Schwin-
del verbunden waren, so befand ich mich in der
That recht übel: so bald ich aber die Nase in den
Wind steckte, und der See ins Gesicht schaute,
wurde ich mit einem male wieder besser.
Nach Verlauf von acht Tagen bekamen wir
wieder guten Wind, und fiengen daher an den
Anker zu lichten; aber als wir bald damit fertig
waren, kam uns ein Ostindienfahrer vor die Bug,
der unsere Gallione so anstieß, daß wir, um den
Schaden auszubessern, bis auf den nächsten Tag
liegen bleiben mußten. Den folgenden Tag war
das Schiff vorbey, und wir liefen des Nachmit-
tags auch wieder in die See. Des Abends rie-
fen einige lose Gäste, die unten im Schiffe wa-
ren, wir sänken. Auf dieses Geschrey sprang
ich, ganz unbekannt mit dergleichen Streichen,
und daher in tödtlicher Angst, heraus; aber Jan
Hagel, der sah, wie sehr ich mich erschrocken hat-
te, lachte über meine Einfalt, und sagte mir, es
wären blos die Klappen nicht geschlossen gewesen.
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[8]
Ich gieng daraus wieder nach meiner Schlafstelle,
um ein ziemliches ruhiger, als ich herausgekom-
men war, und schlief die ganze Nacht hindurch,
ohne irgend einer Störung.
Des andern Tages, als wir in den Kanal
bey Bervesier gekommen waren, drehete sich der
Wind wieder, wurde immer stärker und stärker,
und nahm sich vorzüglich des Nachts so heftig
auf, daß es schien, als wollte er unser Schiff
auseinander reissen. Ein noch unglücklicheres
Loos traf den Ostindienfahrer, von dem ich eben
gesprochen habe. Er stieß aus eine Sandbank,
die Gom oder Gonje genannt, borst von ein-
ander, und hielt bald die Nase unter; doch wur-
de alles Volk, bis auf den Steuermann, und
der größte Theil der Güter geborgen. Ein an-
deres Schiff, das von Bilboa kam, und mit
spanischer Wolle und 40,000 Stück von Achten
geladen war, gieng bey dieser Gelegenheit gleich-
falls unter. Wir sahen es bey uns liegen, als
wir zu Tische giengen; und als wir gegessen hat-
ten, sagte die Küchenwache, daß es gesunken sey;
daß aber das Volk sich insgesammt auf ein
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[9]
Schiff geborgen hätte, das an seiner Seite unter
dem Winde lag. Was uns anbelangt, so wur-
den wir nach dem Sturm, der uns zwischen Do-
ver
und Calais gebracht hatte, durch widrigen
Wind wieder zurückgetrieben, und kamen am
fünften Tage wieder vor Vlissingen, wo mich
mein Wirth, der mich nun zweymal beherbergt
hatte, mit großer Freude bewillkommte, weil er
gefürchtet hatte, daß wir gleichfalls verunglückt
wären, da bey Seeland auch ein Schiff geblie-
ben war.
Zwey Tage daraus wehete der Wind wieder
aus Osten, daher wir des Nachmittags zum
drittenmale unter Seegel giengen. Wir fuhren
alsdann so stark, daß wir in der Tagewache die
Feuer der englischen Küste sahen; und als ich
aufwachte, befanden wir uns Bervesier gegen
über, wo wir zuvor vom Sturm waren über-
fallen worden. Die Kälte, die uns bisher ziem-
lich beschwerlich gewesen war, fieng nun an täg-
lich abzunehmen, und der anhaltende gute Wind
war unserer Reise sehr förderlich, und brachte
uns auf die Höhe der canarischen Inseln;
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[10]
hier aber legte er sich, und wir mußten eine Wei-
le in einer Windstille hintreiben.
Indessen kriegten wir bald darauf Verände-
rung: denn da wir die Insel Madera ansichtig
wurden, hörte ich, daß wir, zur großen Freude
des ganzen Schiffvolks, die Passatwinde ange-
troffen hätten. Diese Winde wehen allezeit aus
derselben Gegend, zwischen Norden und Osten;
und man braucht alsdann sich nicht viel mit dem
Tauwerk und Seegeln zu bemühen. Auch mä-
ßigen sie, da sie kühl sind, die Hitze der Zone,
die sonst unerträglich seyn würde. Man findet
sie gemeiniglich auf der Höhe der genannten In-
seln, und so wie man sie angetroffen hat, legt
man durchgehends 40–50 Meilen in 24
Stunden zurück, und fast ohne die geringste Em-
pfindung der Bewegung des Schiffes oder des
Stoßens der See. –
Mittlerweile ergötzten wir uns des Tages
über mit dem Fischfange; denn wir sahen bey-
nahe alle Tage eine sehr große Menge allerley Fi-
sche, vorzüglich Meerschweine oder Braunfische,
Delphinus phacoena.

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[11]
welche in ganzen Haufen rings um das Schiff
schwammen. Der Fang geschieht auf folgende
Weise. Es standen auf verschiedenen Plätzen
des Schiffes, und vornehmlich vorne, etliche
Matrosen, jeder mit einer Harpune in der Hand,
an deren Ende ein Tau, ungefähr einen kleinen
Finger dick, befestiget war. So wie nun die
Braunfische bey ihnen vorbey schwammen, war-
fen sie die Harpune mit solcher Gewalt, daß sie
bisweilen den Fisch ganz durchbohrte. Die Har-
pune blieb dann in der Wunde stecken, und das
Tau ließen sie immerfort schießen, bis der Fisch,
durch den Verlust seines Blutes geschwächt, sich
ohne einige Gegenwehr herbeyziehen, und an
Bord holen ließ. Es wurden etliche auf diese
Art gefangen, sie waren 4 bis 5 Fuß lang, und
verhältnißmäßig dick. Dieser Fisch wird mit
Recht Meerschwein genannt, da er, nicht nur in
Ansehung seines Fleisches und Speckes, sondern
auch in Ansehung seines Körpers, Aehnlichkeit
mit dem Schweine hat. Das Fleisch hat aber
ganz und gar keinen leckern Geschmack, sondern
ist etwas thranartig.
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[12]
Es ist eine gemeine Meynung vieler Leute,
die niemals Meerschweine gesehen haben, daß
das Blut dieser Thiere nicht warm sey; allein ich
kann aus eigener Erfahrung mit völliger Gewiß-
heit das Gegentheil versichern; denn da ich ei-
nem den Bauch aufgeschnitten hatte, und die
Hand in das Eingeweide steckte, fand ich das
Blut beynahe so warm, als bey einem Schweine.
Auch kann ich nicht zweifeln, daß sie athmen, da
ich ihre Lungen so gut zum Athemholen einge-
richtet fand, als bey Thieren, die außer dem
Wasser leben. Sie haben keine Kiefern, wie die
anderen Fische, sondern nur zwey Löcher an den
Seiten des Kopfes, um Luft zu schöpfen; und
dieß ist ohne Zweifel der Grund, warum sie von
Zeit zu Zeit den Kopf und bisweilen den ganzen
Körper über das Wasser heben, und allezeit ge-
gen den Wind schwimmen; daher auch die Ma-
trosen, wenn sie während einer Windstille Meer-
schweine nach einer Gegend hinziehen sehen, so-
gleich sagen, daß der Wind von dieser Gegend
kommen müsse.
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[13]
Außer den Braunfischen oder Meerschwei-
nen fiengen wir auch viele Hayen.
Squalus carcharies etc.
Diese
Fische sind eine Art Seehunde. Sie haben
einen ganz breiten und flachen Kopf, und eine
sehr tiefe Kehle, weil ihr unterer Kinnladenkno-
chen viel kürzer ist, als der obere, so daß, wenn
sie beißen wollen, sie gezwungen sind, sich auf
die Seite, ja bisweilen sogar auf den Rücken zu
legen. Ein wenig unter dem Kopfe ist ihre
Haut eine Art großnarbichter Schagrin, mit
sechs Oeffnungen auf jeder Seite, die sich ver-
möge gewisser sehr dünner Häute verschließen,
und ihnen statt der Kiefern dienen. Es sind
dieß die allergefräßigsten Thiere, die man sich
denken kann; denn wenn sie auch drey oder vier-
mal an der Angel sich gefangen haben, und ihr
ganzer Mund voll Blut ist, kommen sie doch
allezeit mit derselben Gierigkeit wieder an, bis
sie entweder gefangen sind, oder das Aas weg-
haben. Ferner, wenn sie einmal jemand gefaßt
haben, so ist es um ihn geschehen; denn sie las-
sen niemals los. Die Ursache dieser ungemei-
nen Gierigkeit ist die Größe ihrer Leber. Sie
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[14]
haben drey Reihen Zähne, wovon die ersten
umgekrümmt, und die anderen gerade, und von
verschiedener Gestalt sind. Die dritte Reihe be-
steht aus dreyeckichten vorne dünnen und oben
sägeförmig zulaufenden Zähnen. Sie haben
immer ein Gefolge von gewissen kleinen Fischen
Gasterosteus ductor.

bey sich, die so unzertrennliche Begleiter von
ihnen sind, daß sie sich lieber mit ihnen fangen
lassen, als daß sie sich von ihnen trennten. Man
nennt sie ihre Steuermänner oder Lootsen, weil
man behauptet, daß sie ihnen zu Führern die-
nen, um sie an die Stellen zu bringen, wo Aas
zu finden ist. Sie fressen die Ueberbleibsel des
Fanges, und heften sich an die Haut der Hayen,
durch ein knorpelartiges Häutchen von ovaler
Gestalt, das sie auf dem Kopfe haben, und das
in kleinen Rinnen hinläuft.
Wir fanden auch in dieser Gegend eine Men-
ge Bonito
Scomber pelamis.
, die unversöhnliche Feinde der
fliegenden Fische sind, und sie beständig verfol-
gen. Diese Fische sind von der Größe unserer
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[15]
stärksten Karpfen, doch viel dicker, ohne Schup-
pen, von silberfarbener Haut, und auf dem Rü-
cken mit langen dunkeln und goldenen Streifen
gezeichnet. Sie sind leicht zu fangen; denn da
sie sehr hitzig auf die fliegenden Fische sind, so
macht man ähnliche Figuren aus Federn, und
befestigt dieses Lock an das Ende einer Linie.
Dieß Federbild läßt man vor ihnen auf dem Was-
ser hin und her hüpfen, und dadurch werden sie
augenblicklich getäuscht, und springen mit sol-
cher Heftigkeit darnach, daß man oft blos mit
zwey oder drey Linien in weniger als einer Stun-
de dreyßig bis vierzig fangen kann. Ihr Ge-
schmack ist gut.
Was die fliegenden Fische
Exocoetus volitans etc.
anbetrift, so
sahen wir verschiedene Haufen derselben zu einer
Höhe von ungefähr acht bis zehen Fuß sich erhe-
ben, und funfzig oder sechszig Schritte fort-
fliegen, ehe sie wieder ins Wasser fielen, um
ihre Flügel naß zu machen, und neue Kräfte
gegen die Bonito zu nehmen, von denen sie bis-
weilen im Niederfallen erhascht, oder auch wohl
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[16]
durch einen Sprung aus dem Wasser im Fluge
gefangen werden. Außer den Bonito haben die
fliegenden Fische noch einen andern Feind, eine
gewisse Art Vögel
Vermuthlich Pelecanus aquilus etc.
, welche, so wie die armen
Fische aus dem Wasser auffliegen, um sich vor
den Bonito zu retten, auf sie niederschießen.
Unser Konstabel brachte mir den ersten fliegen-
den Fisch, der, von einem solchen Vogel verfolgt,
in unser Schiff niederfiel. Er war von Gestalt,
Farbe und Größe wie ein Hering, der Rücken
war ein wenig dicker, und der vordere Theil des
Kopfes rundlich, wie bey einem Seebrächsen;
seine Flügelfloßen sitzen über den Wammen.
So seegelten wir fort bis zum 17. Januar
1671, welches ein Sonntag war, als sich un-
gefähr um Mittag eine große schwarze Wolke
zeigte. Bald nachher sahen wir, daß ein Theil
davon sich absonderte; und so wie dieser abge-
sonderte Theil durch einen heftigen Wind fortge-
trieben wurde, veränderte die Wolke nach und
nach ihre Gestalt, und sank, einer langen Säule
ähnlich, aus der Luft auf die Oberfläche der See
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[17]
herunter. Wir Reisende, die noch nie auf der
See gewesen waren, sahen diese Erscheinung,
die so weit von uns entfernt war, daß wir nichts
von ihr zu befürchten hatten, mit Verwunderung
an; hörten aber von dem Steuermann, daß der-
gleichen Wasserhosen sehr gefährlich wären, nicht
allein wegen des vielen Wassers, das sie in das
Schiff bringen, wenn man gezwungen ist, in sie
zu seegeln, und mit den Seegelstangen und Ma-
sten des Schiffes sie zu durchschneiden; sondern
auch wegen der plötzlichen Heftigkeit und außer-
ordentlichen Gewalt des Wirbelwindes, durch
den sie fortgeführt werden, der im Stande ist,
dem größten Schiffe seine Masten wegzureißen,
ja selbst seinen Untergang zu verursachen; daher
man alles mögliche thut, sie zu vermeiden. In-
zwischen kann man sie bisweilen, ohne daß sie
den geringsten Schaden thun, niederstürzen,
wenn man nähmlich durch Kanonen- und Muske-
tenschüsse die benachbarte Luft verdünnt, wodurch
das Wasser, welches alsdann nicht mehr unter-
stützt wird, in sehr großer Menge herunterfällt,
und die ganze Erscheinung plötzlich verschwindet.
Wiewohl diese Hosen in der Ferne nur wie kleine
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CC BY-SA 4.0
[18]
Säulen von sechs oder sieben Fuß im Durch-
messer aussehen, so haben sie doch eine viel größe-
re Ausdehnung; und unser Steuermann versi-
cherte uns, daß er in der Entfernung eines Pisto-
lenschusses Wasserhosen von mehr als 100 Fuß
im Umkreis gesehen hätte.
Außer diesen sieht man auf der See noch eine
andere Art von Hosen, die von einigen wegen
ihrer langen Gestalt Pfeifen genannt werden;
diese sind aber nicht gefährlich, und zeigen sich
nur in der untersten Gegend der Luft, bey Son-
nen-Auf- und Untergang, ungefähr an derselben
Stelle, wo man alsdann die Sonne sieht. Es
sind lange und dicke Wolken mit andern helleren
und durchsichtigen umgeben. Sie fallen nicht
nieder, sondern verfließen zuletzt in einander,
und verschwinden nach und nach; da im Gegen-
theil die Hosen mit Gewalt fortgetrieben werden,
lange Zeit dauern, und immer mit Regen und
Wirbelwind verbunden sind, wodurch die See
unruhig gemacht, und mit Schaum bedeckt wird.
Denselben Tag, nähmlich den 17. Januar,
sah man die See heftig brennen, gleich als wenn
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[19]
sie mit Feuer bedeckt gewesen wäre. Wir, die
wir noch nie eine Seereise gemacht hatten, und
daher bey jeder ungewöhnlichen Erscheinung er-
staunten oder erschracken, fragten den Kapitain
und Steuermann um die Ursache hievon, und
erhielten zur Antwort, daß wir wahrscheinlich
in zwey oder drey Tagen Land sehen würden.
Es wurde nun das Senkbley ausgeworfen, und
die Tiefe des Wassers drey und vierzig Klafter
befunden, das zweytemal etwas mehr, und das
drittemal vierzig. Darauf rief der Kapitain,
daß der Steuermann zwey Grade lavieren sollte,
und den andern Tag um Mittag erblickten wir
Land, welches in der Ferne ganz dunkel aussah,
und, wie wir nachher fanden, die Teufelsinseln
waren. Diesen Tag, nähmlich Montag, so
wie auch Dienstag seegelten wir über Land; ein
Schifferausdruck, der anzeigt, daß man zu hoch
ist, und vor dem Winde nach dem Lande zu lauft.
Des Nachmittags, nachdem wir den Fluß
Surinam so wie auch Coppenam und Su-
ramkaka
passirt waren, warfen wir Anker, und
erblickten den Fluß Correntyn, der zu Su-
rinam gehört. Ich, der ich der See gar nicht
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[20]
gewohnt war, verlangte von ganzem Herzen fe-
stes Land unter den Füßen zu haben; allein ich
mußte mich gedulden, bis wir sieben Stunden
weiter, nach Rio de Berbice, gekommen seyn
würden. Den andern Tag wurde der Anker
gelichtet, um bequem mit der Fluth in den Fluß
einzulaufen. Dieß geschah dann auch: eine
Meile innerhalb des Flusses warfen wir den An-
ker aus, und beschlossen unsere Reise, die genau
fünf Wochen gedauert hatte, an einem Mittwo-
chen Abends, so wie wir an einem Mittwochen
Nachmittags das drittemal in die See gelaufen
waren.

II. Kapitel.

Der Verfasser fährt den Fluß von Berbice hinauf. –
Tritt ans Land. – Ißt Atty, und betrügt sich
dabey. – Kehrt wieder an Bord zurück. –
Wird nach dem Fort abgefertigt. – Trank,
den die Weiber durch Käuen zubereiten. – An-
müthigkeit der Gegend von Berbice. – An-
kunft auf dem Fort.
Den Abend, da wir in den Strom gekommen
waren, wie in dem vorhergehenden Kapitel ge-
sagt ist, konnten wir nichts sehen, als angenehme
grüne Gebüsche, aus denen von Zeit zu Zeit,
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[21]
und bisweilen auch wohl in einem fort, ein sehr
verwirrtes Geschrey von Meerkatzen und andern
Thieren gehört wurde. Des Morgens war ich
mit Anbruch des Tages auf, um zu sehen, wie
das Land aussähe; wobey, wie mich dünkte, das
schwere düstere Gefühl, das ich auf der See be-
kommen hatte, durch die frische Luft und den an-
muthigen Anblick der grünen Bäume mit einem
male vertrieben wurde.
Um neun Uhr wurde der Anker aufgewun-
den, und wir trieben sehr langsam mit der Fluth
fort. Es war wenig Wind; weßwegen wir
auch nicht über drey oder vier Meilen gekommen
waren, als wir den Anker wieder fallen lassen
mußten. Wir wurden darauf einige Indianer
gewahr, die gemeiniglich Bockjes genannt wer-
den. Einigen von dem Schiffvolk, die schon
öfter hier gewesen waren, baten sich die Erlaub-
niß aus, mit dem Boot an das Land zu fahren,
um Palmyt
Elaeis guineensis? die Oel-Palme.
zu kaufen. Ich war neugie-
rig, diese Art von Menschen zu sehen, und fuhr
mit; und da ich aus Land kam, fand ich Män-
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[22]
ner, Frauen und Kinder, alle miteinander mut-
ternackt, die Bedeckung ihrer Schaamtheile aus-
genommen, wovon wir nachher sprechen werden.
Während ich mit Verwunderung diese Menschen
betrachtete, fielen meine Augen auf einen schwar-
zen Topf mit rothem Pfeffer, eine Brühe, welche
immer von ihnen gebraucht wird. So wie ge-
meiniglich die Fremden große Neugierigkeit ha-
ben, oft auch etwas mehr, als nöthig ist, so
kriegte auch ich sogleich Lust, dieß zu kosten; nahm
ein Stück von ihrem Brode und tunkte es ein.
Aber diese Näscherey bekam mir nicht gut; denn
kaum war das Brod durch die Kehle, so fieng
der Mund an, mir so heftig zu brennen, als ob
er voll Feuer wäre. Ich fragte daher die, welche
schon öfter da gewesen waren, was dieß für eine
Speise wäre, und bekam zur Antwort, daß sie
Atty
Capiscum minimum?
genannt würde, und die gewöhnliche
Kost der Indianer wäre, wie wir nachher mit
mehrerem erzielen werden.
S. unten Kap. XIII.
Indessen giengen wir munter in den Wald
hinein, und nachdem wir eine Strecke Wegs
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[23]
durch ungebahnte Pfade gekommen waren, wur-
de von unsern Leuten Palmyt gehauen, wovon
wir gleichfalls nachher sprechen werden. Als-
dann kehrten wir wieder nach dem Flusse zurück,
und fuhren mit unserm Boote nach dem Schiffe.
Hier wurden wir von einigen Indianern mit
Frauen und Kindern besucht. Etliche von un-
serm Schiffsvolke, die schon mehrmals da ge-
wesen waren, und etwas von der Sprache ver-
stunden, fiengen an mit ihnen zu sprechen, und
mit einigen Kleinigkeiten zu handeln. Während
die Indianer noch am Bord waren, wurde ge-
rufen: ein Seegel! Es war das große Boot
von dem Fort, was nach der See gieng, um zu
fischen. Unser Kapitain rief sie an Bord, und
so bekamen wir Nachricht, wie es daselbst stün-
de. Gewisse Freunde, die schon einmal daselbst
gewesen waren, bekamen nebst mir den Auftrag,
mit nach dem Fort zu seegeln, und, wenn wir
dahin gekommen seyn würden, Briefe nach den
Pflanzstädten zu schicken, um unsere Ankunft be-
kannt zu machen. Wir stiegen dann hinüber,
lichteten den Anker, und gaben einander einen
Ehrenschuß. Nachdem wir ungefähr zwey
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Stunden gefahren waren, bekam ich durch die
Hitze großen Durst, und fragte deßwegen den
Schiffer, ob er etwas zu trinken habe? Trinken
genug, antwortete dieser, und befahl dem Neger,
der die Stelle des Kochs vertrat, mich damit zu
bedienen. Dieser wusch seine schwarzen Hände,
zapfte reines Wasser, und nahm aus einem Ge-
fäße eine handvoll von einer Masse, die einem
Brey nicht unähnlich sah. Dieß rieb er durch
die Hände, bis das Wasser weiß wurde, goß es
dann in einen Kürbis, die man dort statt der
Becher gebraucht, und reichte mir es dar. Ohne
weiter zu fragen, setzte ich den Kürbis an den
Mund, und trank ein gutes Nösel daraus. Un-
ter dem Trinken sagte mir der Schiffer, daß ich
die Zähne etwas von einander halten müßte, da-
mit das Getränke bequemer durchfließen könne.
Ich fand dieß auch bestätigt; denn da dieses
Getränk eine Art Brey ist, schießt das Dünne
durch, und die Krumen bleiben vor den Zähnen
sitzen. Unterdessen konnte sich der Schiffer nicht
enthalten heimlich zu lachen, und da ich die Ur-
sache davon wissen wollte, fragte er mich, ob ich
wohl wüßte, was ich getrunken hätte? Ich sagte
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nein; aber der Trank hätte mir, weil ich sehr
vom Durste geplagt gewesen wäre, recht wohl
geschmeckt, es möge nun auch gewesen seyn, was
es wolle. Es wird, sagte der Schiffer, dieser
Trank aus Brod, das die Weiber klein käuen,
S. unten Kap. XIII.

gemacht, und man muß sich hier zu Lande, in
Ermangelung eines bessern, damit behelfen.
Unterdessen fuhren wir sachte weiter, und ich
hatte dabey Gelegenheit, die Schönheit der Ge-
gend mit aller Muse zu betrachte. Sie ist
durchgehends sehr anmuthig. Bey der Aus-
sicht auf hohe grüne Bäume hört man ein be-
ständiges Geschrey von Affen, Meerkatzen, Pa-
pageyen u.s.f. Die letzten flogen uns von Zeit
zu Zeit in ganzen Haufen über den Kopf, und
machten einen Lärmen, daß man kaum einen Ka-
nonenschuß hätte hören können. Da wir uns
bis aus etwa zwey Stunden dem Fort genähert
hatten, wurden Ruder an Bord gelegt, weil wir
sonst die nächste Fluth hätten abwarten müssen.
Mittlerweile, da es anfieng Abend zu werden,
und die Aussicht mir keine Unterhaltung mehr
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gewähren konnte, legte ich mich zur Ruhe; al-
lein, ich hatte nicht lange geschlafen, als ich wie-
der aufgeweckt wurde, weil wir uns vor dem
Fort befanden. Zwey Stunden vorher hatten
wir unsere Kanonen gelöset, um die Ankunft
unseres Schiffes bekannt zu machen. Es konn-
ten diese sehr bequem gehört werden, weil der
Fluß in großen Krümmungen läuft, und dadurch
der Weg sehr verlängert wird. Wir traten
dann in das kleine Boot über; wurden nach
dem Lande geführt, und kamen des Nachts zwi-
schen Freytag und Sonnabend auf das Fort,
Nassau genannt, wo man große Freude über
unsere Ankunft bezeugte, und wo wir von dem
Oberhaupte mit aller erdenklichen Freundschaft
empfangen wurden. Nachdem wir einiger fro-
hen Gespräche miteinander gepflogen hatten,
wurde jedem von uns eine Hängmatte angewie-
sen, um den übrigen Theil der Nacht daselbst
zuzubringen.
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[27]

III. Kapitel.

Der Verfasser schickt Briefe nach den Pflanzstädten. –
Schöner Hain von Orangen- und Limonienbäu-
men. – Ankunft des Schiffes vor dem Fort. –
Ansetzung eines neuen Kommandeurs oder Ober-
haupts. – Reise des Schiffes nach den Pflanz-
städten. – Der Verfasser geht dahin, um zu
inventiren. – Thut eben dieß an dem Fort. –
Es wird den Sclaven Leinwand ausgetheilt. –
Das Schiff kommt mit seiner Ladung wieder vor
das Fort. – Ankunft eines englischen Schiffes
in dem Flusse. Zwischen zween Frauen erhebt
sich Streit über einen Krug Ale. – Der Verfas-
ser geht nach der Mündung des Flusses. – Eine
besondere Art Reisehäuschen. – Weitere Fahrt
des Schiffes. – Unternehmung eines Handels
in dem Flusse Bourum.
Ungeachtet ich sehr schläferig war, konnte ich
doch diese Nacht wenig schlafen, weil ich noch
niemals in einer Hangmatte gelegen hatte. Auch
wußte ich nicht, wie man sich zu legen hat, und
erfuhr erst nachher, daß man in dieser Art Hang-
matten, die acht, zehen, und auch wohl zwölf
Fuß weit sind, überzwerch liegt. Ich stand da-
her auf so bald es nur Tag war, und machte
meine Briefe zurecht, die sogleich nach den Pflanz-
städten gesendet wurden. Darauf bekam ich
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[28]
Lust mich umzusehen, wo ich wäre. Alles gefiel
mir sehr wohl. Nicht weit von dem Fort zeigte
sich ein Hain von Orangenbäumen, von denen
jeder so groß ist, als in unserm Vaterlande ein
gewöhnlicher Lindenbaum, und an welchen man
immer Blühten, grüne und reife Früchte im
Ueberflusse sieht. Dieser Platz ist mit Limo-
nienbäumen eingefaßt, die an Schönheit den
Orangenbäumen nicht nachstehen, und mit ih-
nen zusammen einen sehr reizenden Anblick und
angenehmen Geruch geben. Hier gieng ich ein
oder anderthalb Stunden spazieren. Als ich
darauf wieder nach dem Fort gekommen war,
wurde mir meine Kammer angewiesen, welche ich
zu dem, was ich zu verrichtet hatte, groß und
geräumig genug fand. Gegen Mittag kam un-
ser Schiff vor das Fort, worauf sogleich von
beyden Seiten einige Kanonen gelöset wurden.
Alsdann traten die Passagier ans Land, und
ihnen folgte zuletzt der Kapitain, der gekommen
war, um das Oberhaupt abzulösen, dessen Platz
er in der Zukunft bekleiden sollte.
Indessen begaben sich die Herren Pflanzer,
welche Räthe der Kolonie sind, auf Empfang
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[29]
der vorgemeldeten Briefe des Sonnabend Nachts
und Sonntag Morgens nach dem Fort: es wur-
de durch den Prediger eine schöne Predigt gehal-
ten, und nach derselben setzte sich jeder nach sei-
nem Range zur Tafel. Hier wurde tüchtig auf-
getischet; aber kaum hatten wir eine halbe Vier-
telstunde gesessen, so mußte ich aufstehen, weil
mir sehr übel wurde. So wie ich in die Luft
kam, erbrach ich mich ein wenig, wodurch ich
heftige Kopfschmerzen bekam. Ich legte mich
daraus in eine Hangmatte, wurde aber durch den
Lieutenant, oder die zweyte Person heraus ge-
holt, mit dem Bedeuten, daß ich mich nicht le-
gen, sondern auf den Beinen halten müsse, weil
ich sonst die Landeskrankheit
Asthenia guianensis. S. unten Kap. XVI.
bekommen könn-
te. Ich stund also wieder auf, nahm meinen
Platz an der Tafel ein, aß etwas, leerte einen
guten Becher, und war ein oder zwey Stunden
darauf vollkommen hergestellt. Des Nachmittags
wurde die Glocke geläutet, und darauf in Gegen-
wart aller Räthe der neue Kommandeur oder
Oberhaupt, welchem seine Bestallung von mir
vorgelesen wurde, vorgestellt; worauf wir den
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[30]
übrigen Tag, und noch einen guten Theil der
Nacht in Fröhlichkeit zubrachten.
Den andern Tag Morgens wurde der An-
fang mit der Ausladung unseres Schiffes ge-
macht, und einige Kisten und Tonnen, die ich
unter meiner Verwahrung haben mußte, so wie
auch einige andere Güter für die Bedienten des
Forts, ans Land gebracht. Darauf gieng das
Schiff weiter hinauf nach den Pflanzstädten.
Das Oberhaupt und ich folgten in einem Boote
voll nackter Indianer, weil wir inventiren, und
die Sclaven mustern mußten, um zu wissen, wie
viele gestorben und gebohren waren. Auf der
ersten Pflanzstädte dauerte mein Geschäfte drey
oder vier Stunden, worauf wir mit Essen und
Trinken vortrefflich bewirthet wurden. Ueberall,
wo wir hinkamen, war der Wein schon angezäpft;
und wir empfanden daher des Nachts eben nicht
sehr viel von den Stichen der Musquito.
S. in der folgenden Reise (nach Surinam)
Kap. X.
Kurz um, es war ein Herrnleben; und ich
wünschte wohl, daß es länger hätte währen
mögen.
Digitalisat/311